Das Augustiner-Chorherrenstift Herzogenburg

Ein Neubau trotz angespannter finanzieller Lage

Stift Herzogenburg
Stift Herzogenburg, Flugbild

Während Jakob Prandtauer in Melk eine bestehende Klosteranlage umbaute, bot ihm das Augustiner-Chorherrenstift Herzogenburg die Gelegenheit, eine ganz neue Klosteranlage zu errichten – eine für einen Klosterbaumeister im Raum des heutigen Österreich seltene Situation. Obwohl die finanzielle Lage des Stiftes nicht allzu gut war, hatte sich der Bauherr, Propst Wilhelm Schmerling (reg. 1709–1721), entschlossen, den alten Klosterkomplexes vollständig abzubrechen.

Baugeschichte

1714 wurde mit dem Bau begonnen. Prandtauer war zu diesem Zeitpunkt längst kein Unbekannter mehr in Herzogenburg! Bereits in den 1690er Jahren hatte er mehrere Bauten für das Stift errichtet, darunter den Pfarrhof von Haitzendorf (1694–1700) und einen Keller in Wielandsthal (ab 1696). Als Prandtauer 1726 starb, war die Klosteranlage von Herzogenburg fast fertig.

Wenn Sie einen Blick auf das Luftbild werfen, sehen Sie, dass das Stift Herzogenburg ein ganz regelmäßiger Komplex ist. Er besteht aus zwei quadratischen Höfen: dem Klausurhof im Westen und dem Prälaturhof im Osten. Vor der Ostfassade erstreckt sich ein barocker Garten. Die Stiftskirche gehört zum Klausurhof. Sie ist das Werk von Franz Munggenast und wurde erst in den Jahren 1743 bis 1748 errichtet.

Bauen: Eine große Herausforderung für alle Beteiligten

Stift Herzogenburg Propst Wilhelm Schmerling
Propst Wilhelm Schmerling

Der Neubau des Stiftes Herzogenburg war nicht nur für Prandtauer, sondern auch für Propst Wilhelm eine große Herausforderung. Als Auftraggeber hatte er alle wesentlichen Entscheidungen zu treffen und beträchtliche finanzielle Mittel Jahr für Jahr bereitzustellen.

Als Wilhelm Schmerling 1721 starb, würdigte man seine Leistungen in einer Rede. Zu Wilhelm Schmerling als Bauherr heißt es in dieser Rede: "Bauen ware sein Leben, ware sein Tod." Der neue Kloster-Bau wäre "eine Fabrica Sudoris", ein "Bau des Schweiß" gewesen, und zwar "nicht nur des Schweiß des Angesichts, sondern auch des Saffts des Hirn, so an statt des Wassers zu dem Maltar-Anmachen [gemeint: Anmachen von Mörtel] gebraucht worden."

Bauen war und ist eine fordernde Tätigkeit. Zweifellos war auch der Herzogenburger Konvent gefordert. Ab 1713/14 war das Leben im Stift kein Vergnügen: Man wohnte quasi auf einer Baustelle – ständig mit Staub und Lärm konfrontiert. Und anders als heute wurde hier nicht fünf, sondern sechs Tage pro Woche (die Wintermonate ausgenommen) gearbeitet. 

Der Hofarchitekt J. B. Fischer von Erlach greift in das Geschehen ein

Stift Herzogenburg
Stift Herzogenburg, Osttrakt

Die Arbeiten liefen bereits seit einigen Jahren, als Propst Wilhelm 1717 den kaiserlichen Hofarchitekten Johann Bernhard Fischer von Erlach in die Planung einschaltete. Die Gründe für dieses Vorgehen sind bis heute nicht wirklich geklärt.

Fischer veränderte u.a. den mittleren Fassadenabschnitt der Ostfassade, in dem der Saal liegt. Er erhöhte den Baukörper und verlieh ihm dadurch optisch mehr Gewicht. In der Frontalansicht wirkt diese Lösung durchaus gelungen, in der Schrägansicht sind die Schwächen aber unübersehbar.

Stift Herzogenburg
Stift Herzogenburg, Osttrakt

An den Seitenachsen des mittleren Fassadenabschnitts überschneidet nämlich der angrenzende Bauteil die seitliche Rahmung des großen Saalfensters, und im Mezzaningeschoß ragt gar das Gesims in das Fenster. 

Ob die durch Wilhelm Schmerling veranlasste Zusammenarbeit zwischen Prandtauer und Fischer für die beiden Künstler wirklich „unerfreulich“ war, wie es in der Literatur heißt, wissen wir nicht. Bei Prandtauer wird die Entscheidung des Propstes sicherlich keine allzu große Freude ausgelöst haben, als Baumeister musste er sich aber dem Wunsch seines Auftraggebers fügen. Prandtauer kam regelmäßig auf die Baustelle, wo er das Geschehen steuerte. Unterstützt wurde er von einem Polier, der ständig vor Ort war.