Wie in Dürnstein aus einer Kirche ein Getreidespeicher wurde

dürnstein, prandtauer
Ehem. Stift Dürnstein

Waren Sie schon einmal in Dürnstein in der Wachau? Wenn ja, haben Sie sicherlich das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift mit seinem blauen Turm besichtigt. Die alte Klarissenklosterkirche, die nur wenige Schritte entfernt liegt und ursprünglich dem Stift gehört hat, haben Sie wahrscheinlich nicht beachtet. Das ist nicht erstaunlich, denn der mächtige Bau wirkt ziemlich spröde. Er gehört nicht zu den klassischen Sehenswürdigkeiten der Stadt, hat aber eine spannende Geschichte! 

In den Jahren 1715 bis 1716 hat Jakob Prandtauer die (bereits seit längerer Zeit aufgehobene) mittelalterliche Kirche zu einem Schüttkasten umgestaltet, also zu einem Bau, in dem Getreide aufgeschüttet bzw. gelagert wurde. Da der Bauherr, der Propst des Stiftes Dürnstein Hieronymus Übelbacher (reg. 1710–1740), in einem seiner Schreibkalender (Tagebuch) rückblickend über die Arbeiten berichtet, wissen wir genau, was Prandtauer gemacht hat.

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Kupferstich von M. Merian, 1649

Hinzu kommt, dass sich eine Ansicht erhalten hat, die die Klarissenklosterkirche vor der Umgestaltung zeigt. Es handelt sich um einen Kupferstich von Matthäus Merian aus dem Jahr 1649 (siehe das Foto rechts). 

Deutlich sind hier das hohe Dach, der kleine Turm sowie die spitzbogigen Fenster zu erkennen, die Propst Hieronymus Übelbacher Kopfzerbrechen bereiteten.

Übelbacher zufolge drang durch diese Fenster immer wieder starker Wind ein und übte so gewaltigen Druck auf das Dach aus, dass er befürchte, es könnte herabgerissen werden. Sorgen bereitete dem Propst zudem der kleine Turm am Dach, der einsturzgefährdet war. Mit all diesen Problemen wandte sich Übelbacher besorgt an den Baumeister Jakob Prandtauer.

Übelbacher zufolge drang durch diese Fenster immer wieder starker Wind ein und übte so gewaltigen Druck auf das Dach aus, dass er befürchte, es könnte herabgerissen werden. Sorgen bereitete dem Propst zudem der kleine Turm am Dach, der einsturzgefährdet war. Mit all diesen Problemen wandte sich Übelbacher besorgt an den Baumeister Jakob Prandtauer.

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Ehem. Schüttkasten des Stiftes Dürnstein

Dieser wusste nicht nur Rat, sondern erarbeitete mit dem Propst ein Projekt, das über die Beseitigung der bautechnischen Schwierigkeiten deutlich hinausging.

Es inkludierte nämlich ein neues Nutzungskonzept: Aus der Kirche wurde ein Getreidespeicher, den das Stift offenbar dringend benötigte. 

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Blick auf bzw. in das Dach des Schüttkastens (Foto: Barbara Schedl)

Prandtauer trennte Chor und Langhaus voneinander. Der Chor diente ab nun als Kapelle, das Langhaus wurde durch das Einziehen von Zwischenböden zu einem Schüttkasten umfunktioniert. Den Turm, der immer wieder Probleme bereitet hatte, brach Prandtauer ab. Das hohe, bei starkem Wind gefährdete Satteldach ersetzte er durch mehrere zwischen die Umfassungsmauern eingespannte – und somit vor Witterungseinflüssen geschützte – Satteldächer (siehe Foto). Eine sehr geschickte Maßnahme! Im Frühjahr 1716 war der Umbau abgeschlossen und der Propst notierte – unter Bezugnahme auf den kleinen Turm – zufrieden in seinen Schreibkalender:


Nun aber ist solcher bogen völlig auß der malter gewessen, daß er mit ersten were eingefallen sambt dem thiernl, und also nach zeugnuß und mir gethaner warnung h[err]n Brandauers, führnemen baumaister zu St. Pöltten und vülleicht führnemsten in gantz Oesterreich, so hette dißer bogen und thiernl auch die anderen haubtmeuer, wo nicht beede, doch eine mit eingeworffen und hinaußgedaucht. Deo sint infinitae laudes, daß die abtragung dißes thiernl und bogen so glycjhlich abgeloffen, ohne daß ein maurer oder tagwerger oder wer anderer auch nur an einen finger were laediret worden.

 

 

 

Tipp:
 

Das ehem. Klarissenkloster befindet sich heute im Besitz der Familie Thiery. Der Schüttkasten ist nicht zugänglich, dafür kann man im Hotel-Restaurant Richard Löwenherz der Familie Thiery ausgezeichnet essen.

 

Das ehem. Stift Dürnstein ist heute eine Pfarre des Stiftes Herzogenburg. Kirche und Prälatenhof sind zu bestimmten Zeiten öffentlich zugänglich. Infos finden Sie auf der Website des Stiftes Dürnstein.

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Bettina Frank (Sonntag, 10 Februar 2013 11:45)

    Liebe Huberta,

    ich danke Dir für diesen interessanten Beitrag. Ich kenne Dürnstein und insgesamt die Wachau sehr gut, sodass ich mich über diese Information wirklich sehr freue.

    Liebe Grüße
    Bettina

  • #2

    Familie Steinegger (Dienstag, 09 April 2013 13:02)

    Eine interessante Geschichte. Wir sind seit vielen Jahren treue Gäste der Wachau und sind über Geschichte und Geschichtchen aus und über die Wachau sehr dankbar.
    Liebe Grüße aus Wien
    Familie Steinegger

  • #3

    Huberta Weigl (Mittwoch, 10 April 2013 14:04)

    Liebe Familie Steinegger,

    danke für Ihr nettes Feedback. Im Sommer hoffe ich, hier wieder regelmäßiger zu bloggen. Auch über das Thema "Prandtauer & die Wachau".

    Herzlichen Gruß
    Huberta Weigl

  • #4

    Markus Landerer (Montag, 31 März 2014 09:11)

    Prandtauer hat ein "Grabendach" daraus gemacht ("mehrere kleine Satteldächer aneinandergereiht"). Grabendächer waren im Salzburger Raum und am Inn sehr verbreitet, vor allem aus Brandschutzgründen. Vgl. Buch: Guido Friedl, Die Grabendächer, Salzburg, 1993