Jakob Prandtauer auf Reisen

Foto mit Kutsche und Blick auf die Pferde


Jakob Prandtauer deckt das gesamte Spektrum an Bauaufgaben ab, mit dem ein Baumeister in der Barockzeit beschäftigt sein konnte: Er errichtete Klöster, Pfarrkirchen, Pfarrhöfe, Schlösser, Schüttkästen, Gartenpavillons, Bürgerhäuser und Kasernen. Angesichts der Fülle an Aufträgen, die Prandtauer erhielt, verwundert es nicht, dass er zeit seines Lebens viel auf Reisen war.

 

Wie aber ist Prandtauer gereist? Wie lange haben die Reisen damals gedauert? Wie oft ist er auf die Baustellen gefahren? Und: Welche Quellen geben uns heute überhaupt einen Einblick in seine Reisetätigkeit?

Die Quellen zu Prandtauers Reisen

Wie andere Baumeister ist Prandtauer nicht nur gereist, wenn es einen Entwurf zu erstellen gab, sondern auch, wenn das jeweilige Projekt bereits im Gange war. Vor allem bei den großen Bauten, wie den Klöstern, überwachte er persönlich die Umsetzung seiner Entwürfe.

Da der Großteil der Klöster noch über intakte Archive verfügt, haben sich hier auch die meisten Quellen erhalten, die Hinweise auf die Reisetätigkeit Jakob Prandtauers geben:

 

Die Zahl der Baustellenbesuche regelte der zwischen dem Stift und dem Baumeister geschlossene Vertrag. Besonders oft forderte der Melker Abt Berthold Dietmayr die Anwesenheit Prandtauers. Laut unterzeichnetem Kontrakt  von 1702 musste Prandtauer wenigst aber im Jahr zwainzigmahl auf seinen Unkosten herauf reisen, umb zue sehen, ob die Arbeith gebührent verricht werde (siehe das Foto).

Detail aus dem Vertrag mit dem Stift Melk
Detail aus dem Vertrag zwischen Jakob Prandtauer und dem Stift Melk (1702)

Wie oft der Baumeister dann tatsächlich vor Ort war, verraten die Verträge nicht. Will man die Zahl der Aufenthalte Prandtauers in den einzelnen Klöstern ermitteln, müssen daher andere schriftliche Quellen herangezogen werden.

 

Besonders aussagekräftig, aber höchst selten, sind Reisespesenabrechnungen, wie sie sich in Herzogenburg erhalten haben. Daneben geben die verschiedenen Rechnungsbücher sowie die zugehörigen Beilagen (also die einzelnen Rechnungszettel) Hinweise bezüglich der Anwesenheit Prandtauers.

 

Aufschlussreich sind naturgemäß auch die Baurechnungsbücher, die allerdings nicht in allen Klöstern eigens geführt wurden. In Herzogenburg finden sich die Ausgaben für den Neubau, gemeinsam mit den Ausgaben der Klosterküche, in den Gebäu- und Kuchlrechnungen.

 

Kamen der Abt bzw. der Propst für die Reisespesen auf, so notierten sie dies in ihr persönliches Handrapular. 1722 gibt beispielsweise der Herzogenburger Propst Leopold von Planta in seinem Handrapular an, er habe im April des Jahres Prandtauer sein ausstandiges Riß und Raißgeld in Höhe von 75 fl. bezahlt.

Ausgaben für Reisen können auch in den Büchern des Rent- bzw. Kammeramtes aufscheinen. Selbst die Rechnungsbücher des für den Handel mit Getreide zuständigen Kastenamtes geben fallweise Hinweise auf Aufenthalte Prandtauers.

So vermerkt das Kastenamtsrechnungsbuch des Stiftes Herzogenburg 1715 in der Rubrik Ausgab Habern Was das ganze Jahr vor die Herren Gäst Pferdt [Gastpferde] aufgegangen und verfuettert worden: H: Prandtauer Pfertdt 3 Mallzeit.

Womit ist Prandtauer gereist?

Rad einer Kutsch

Die Frage, mit welchem Transportmittel Jakob Prandtauer reiste, ist mangels aussagekräftiger Quellen nicht leicht zu beantworten. Bedeutete bis in das 17. Jahrhundert hinein Reisen (zumindest für Männer) reiten, so war im 18. Jahrhundert das Reisen mit der Kutsche üblich. Man fuhr mit einem gemieteten Wagen oder mit der Postkutsche. Diejenigen, die genug Geld besaßen, kauften sich eine Kutsche. Die Pferde konnte man allenfalls anmieten.

 

 

In dem Vertrag, den Prandtauer 1702 mit Melk abschloss, sicherte ihm der Abt zu, er werde für eine Gelegenheit zur Zurückhraiß nacher St. Pölten vom Closter auß aufkommen. Für die Anreise hatte Prandtauer hingegen selbst zu sorgen, was den Schluss zulässt, dass er, zumindest zu Beginn seiner Laufbahn, mit einer gemieteten Kutsche, die wir uns einfach vorstellen müssen, unterwegs war.

Möglicherweise besaß Prandtauer später eine eigene Kutsche. Jedenfalls gab es stets mehrere Pferde zu füttern, wenn der Baumeister im Stift Herzogenburg (ab 1714 errichtet) ankam.

Wie lange haben die Reisen gedauert?

Die Zeitspanne, die die einzelnen Fahrten Prandtauers in Anspruch genommen haben, ist nicht überliefert. Sie war abhängig von dem Zustand der Straßen, den Witterungsbedingungen und der Zahl der eingespannten Pferde.

 

Von Johann Lucas von Hildebrandt wissen wir, dass er im Sommer für eine Fahrt mit der Kutsche von Wien nach Bruck an der Leitha (das sind etwa 40 km) zwischen sieben und zehn Stunden benötigte.

Die Reise Prandtauers von St. Pölten in das dreißig Kilometer entfernte Stift Melk muss demzufolge bei schönem Wetter fünf bis sieben Stunden gedauert haben. Die Fahrt nach St. Florian, das ca. 115 Kilometer von St. Pölten entfernt liegt, wird zwanzig bis 28 Stunden in Anspruch genommen haben und schloss zwangsläufig zwei bis drei Übernachtungen ein. Aufgrund der Entfernung besuchte Prandtauer die Baustellen in Oberösterreich (insbesondere die Klöster St. Florian, Kremsmünster und Garsten) höchstens viermal pro Jahr.

Reisen in der Barockzeit war anstrengend

Das Reisen im 18. Jahrhundert war mit einigen Anstrengungen verbunden: Die Wege waren, wie Leopold Mozart 1762 berichtet, unbeschreiblich knoppericht und voller tieffer gruben und schläge. Unvorhergesehene Ereignisse (Radbruch, Überfälle) konnten jederzeit eintreten und in den Postkutschen quälte häufig Ungeziefer die Fahrgäste.

 

Wer sich auf die bevorstehenden Mühen und Gefahren vorbereiten wollte, konnte verschiedene Reisehandbücher lesen, zum Beispiel Julius Bernhard von Rohrs 1715 erstmals erschienene „Klugheit zu leben“. In dem Buch gibt der Autor 91 Ratschläge zum Thema „Reisen“. Unter anderem rät Rohr dem aufbruchswilligen Leser:


Betrachte deines Leibes-Constitution, ob du delicat seyst, oder Fatiguen ausstehen könntest, alle Nächte schlaffen must, oder ob dirs gleich gilt, wenn du etzliche Nächte wachen solst, alle Speisen essen dürffest, oder dich in der Kost in acht nehmen must. Examinire dich, ob du in deiner Religion fest und wohl gegründet, zum Spielen, Sauffen und anderen Debauchen geneigt seyst. In Summ aus deiner Selbst-Erkäntniß mache dir Regeln der Klugheit, was du auff Deiner Reise thun, oder unterlassen solst.

 

Mag Prandtauer derartige Handbücher studiert haben oder nicht, er war berufsbedingt unterwegs und kam nicht umhin, sich den Strapazen des Reisens zu unterziehen. Seine Auftraggeber erwarteten, dass er die Baustellen regelmäßig aufsuchte, und schätzten es, dass er das auch tat.

Literaturhinweise

Der Text des Blogartikels ist erstmals in diesem Beitrag erschienen:

Huberta Weigl, ... auf seinen Unkosten herauf reisen, umb zue sehen, ob die Arbeith gebührent verricht werde ... Der Architekt Jakob Prandtauer (1660–1726) und seine Reisen im Dienst der Auftraggeber, in: Friedrich Polleroß (Hg.), Reiselust & Kunstgenuss. Barockes Böhmen, Mähren und Österreich, Petersberg 2004, 75–88.

Kreis mit Hinweis auf Sponsorensuche

Weitere Literatur:

  • Ausstellungskatalog, Vom Reisen in der Kutschenzeit, Heide in Holnstein 1990 (hrsg. von der Eutiner Landesbibliothek, die eine eigene Forschungsstelle zur historischen Reisekultur besitzt)
  • BEYRER, Klaus: Die Postkutschenreise, Tübingen 1985
  • KUTTER, Uli: Reisen – Reisehandbücher – Wissenschaft. Materialien zur Reisekultur im 18. Jahrhundert, Neuried 1996
  • MAZOHL-WALLNIG, Brigitte; WANGERMANN, Ernst (Hrsg.): Genie und Alltag. Bürgerliche Stadtkultur zur Mozartzeit, Salzburg/Wien 1994, 11–33 (das Zitat im Blogartikel ebenda, 12).
  • MACHATSCHEK, Alois: Die Alten Poststationen an der Straße zwischen Wien und Linz, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 20 (24), 1965, 137–158
  • SKAMPERLS Dora: ... der Verfluchte Kerl zürnet mich offt das ime möchte in die ohren beissen ... Quellen zu Johann Lukas von Hildebrandt aus dem Harrachschen Familienarchiv, in: Hippolytus 29, 2003, 36–74

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Abbildungsnachweise:
Bild ganz oben (Kutsche): Pixabay.com, schienertown. Bild Mitte: Huberta Weigl, Wien. Bild unten (Rad): Pixabay.com, Engin_Akyurt.

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